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Der Verrat der Frauen an den Frauen -oder …

… das Band der Schwesternschaft neu knüpfen

 

 

Vor vielen vielen Jahren, schilderte ich einer weisen und liebevollen Frau, meine Ursprungsfamiliensituation. Sie schaute mich lange an und dann sagte sie:

‚Das ist der Verrat der Frauen an den Frauen‘.

Ihren Blick, die Tonart ihrer Worte, die Sanftheit und Tiefe mit der sie sprach, werde ich nie vergessen.

Lange Zeit haben mich diese Worte begleitet. Irgendwann, zogen sie in mein Vergessen.

Eines Tages und einige Jahre später, ploppten sie wieder auf. Mit einigen weiteren tapferen und mutigen Frauen, stellten wir das Thema auf (systemische Aufstellungsarbeit; wir sind alle darin ausgebildet, so dass es zumindest technisch, leicht für uns war). Wir sahen uns an, was da an die Oberfläche wollte. Es war nicht schön. Es war schmerzhaft. Für jede von uns. Ganz ehrlich: wir hätten kotzen können. Doch wir haben viel aus dieser Arbeit gelernt und eine jede konnte etwas für sich mitnehmen.

Das Thema lies mich wieder los (oder ich das Thema 😉 ?) Dieses Jahr kam es wieder. Immer latent irgendwie zur Stelle. Seit dem Herbst weiß ich, dass ich diesen Blog dazu schreiben werde. Nun, jetzt sitze ich hier und schreibe und wenn ich ehrlich bin: Ich habe keine Idee, was das Ergebnis sein wird. Ich lasse mich überraschen. Und ich freue mich, wenn Du mit auf meine Reise kommst.

 

Was fällt mir ein bei dem Satz ‚Der Verrat der Frauen an den Frauen‘?

Es sind Wörter wie Schmerz, Schwesternschaft, Patriarchat, Verrat in einer grausamen subtilen und nicht zu packenden Weise unter uns Frauen, offene Feindschaften, Unausgesprochenes, ein Keil, der zwischen Frauen getrieben wurde, bzw. den wir zwischen uns zugelassen habe.

 

Ich glaube, fast jedes Mädchen kennt dies: Aus der besten Freundin in der Schule, wird plötzlich die größte Feindin. Häufig sind Jungs der Auslöser. Oder aber auch andere Mädchen. Eifersucht, in jeglicher Hinsicht, ist ein ganz wichtiges Thema. Und das kann nur passieren, wenn wir uns unseres Selbst nicht sicher bzw. bewusst sind. Und das ist leider typisch für fast alle jungen Mädchen und Frauen. Und selbst bei Erwachsenen ist dies Dauerthema. Woher soll es also die jeweilige junge Generation lernen und wissen? Wenn Eltern sich ihrer Selbst nicht bewusst sind, können sie es auch nicht an ihre Kinder weitergeben.

 

Ich erzähle Dir eine Geschichte von mir:

Ich war mal mit einem Typen zusammen. Es war eine richtig tolle und auch lange Zeit. Wir waren über zwei Jahre zusammen und waren auch beste Kumpels. Meine damalige beste Freundin kannte ich schon Jahre und wir waren wie Feuer und Wasser. Unzertrennlich und wir kannten uns sehr gut. Ich nenne sie hier jetzt mal der Einfachheit halber Alexa.

Eines Tages war ich mit meinem damaligen Freund in unserem Lieblingscafé nach der Schule. Dort erzählte er mir, dass er jetzt mit Alexa zusammen ist. Natürlich war die Situation echt schräg. Doch kam es interessanterweise nicht aus heiterem Himmel und ich war selber erstaunt, wie ruhig ich geblieben bin. Keine Szene. Kein Geschreie. Keine Hysterie. Für mein damaliges Alter, echt erstaunlich 😉 Natürlich war ich traurig. Doch in diesem Moment, erfuhr ich unbewusst zum ersten Mal die Tragweite der Aussage ‚Der Verrat der Frauen an den Frauen‘. Ich war nicht sauer auf ihn. Ich schaute ihn lange an und fragte dann, wie lange das schon geht. Er sagte, nur ein paar Tage und ich und Alexa wären uns ja so ähnlich und doch so unterschiedlich. Ich wusste was er meinte und spürte auch, dass er die Wahrheit sagte. Auch merkte ich, dass er es nicht besser wusste und konnte.

Er war für mich zu dem Zeitpunkt Vergangenheit und es war gut. Nachdem ich dann tagelang geweint hatte. Doch die Tränen galten tatsächlich und interessanterweise nicht in erster Linie ihm. Sie galten der Freundschaft zu Alexa.

Ich hätte mir nach jahrelanger Freundschaft gewünscht, dass SIE es mir sagt. Dass SIE mit mir redet. Das war das Fatale an der Situation. Es war ein Bruch in der Schwesternschaft. Kurz: wir sind nach vielen Gesprächen Freundinnen geblieben. Doch das war echt harte Arbeit. Und es war wichtig und gut.

In all den Jahren danach, begegnete mir immer wieder ähnliches, in immer neuen Konstellationen. Das Leben ist einfach echt spannend und zeigt sich immer in neuen Facetten. Auch ich war dann Jahre später in der ‚Alexa‘ Situation und habe erlebt, wie doof und unnötig dies ist. Ein anders Mal, hatte mich eine Frau angerufen und mir erzählt, mit wem ich es eigentlich zu tun habe und wer ‚SIE‘ ist. Ich ziehe heute noch immer den Hut vor ihr und ich wusste tatsächlich nichts. Hätte mir das jemand vorher erzählt, hätte ich wahrscheinlich geschmunzelt und gesagt: ‚Ach, sowas merkt Frau doch.‘ Nein, ich habe es nicht gemerkt. Vielleicht habe ich es auch nicht merken wollen. ‚Er‘ hat sich richtig angestrengt und Mühe gegeben, zweigleisig zu fahren. Doch dank ‚Ihr‘, hatte das Drama dann endlich ein Ende. Ich bin ihr noch heute unendlich dankbar für ihren Mut. Und ihre Treue in das unausgesprochene Band der Schwesternschaft.

 

Warum können wir nicht miteinander reden? Offen sein? Warum hört das Vertrauen in letzter Instanz auf? Warum hacken wir uns gegenseitig die Augen aus, machen uns das Leben unnötig schwer? Warum sind wir aufeinander eifersüchtig?

Natürlich können wir das jetzt auf die Weltgemeinschaft insgesamt beziehen. Und selbstverständlich gibt es das auch unter besten Kumpels. Doch ich möchte hier jetzt explizit über die Mädchen und Frauen schreiben. Was treibt uns, dass wir so miteinander umgehen? Gönnen wir einander nicht?

Warum sehen wir andere Frauen als Konkurrentinnen? Warum können wir uns gegenseitig so wenig gönnen? Was brauchen wir, dass wir uns als Schwesternschaft betrachten können?

Der Verrat der Frauen an den Frauen, zieht sich durch (fast) alle Kulturen. (Eine absolute Ausnahme sind die wenigen Kulturen, die matrilinear leben. Hier findest Du eine Internetseite darüber, was dies ist: https://herstory-history.com/ )

Mütter, die ihre eigenen Töchter beschneiden oder beschneiden lassen, häufig dann noch mit der Großmutter gemeinsam.

Mütter, die ihre eigenen Töchter zwangsverheiraten, weil es eben Tradition ist.

Mütter, die ihre Töchter heimlich aussetzen oder umbringen, weil sie keinen Stammeshalter in die Welt gesetzt haben. (Und natürlich auch Erzeuger, die dies tun)

Mütter, die ihre Töchter verkaufen, zwangsprostituieren, um irgendwie als Familie überleben zu können.

Mütter, die ihre Töchter wie, oder schlimmer wie Tiere behandeln und die Söhne vorziehen und diese häufig als ‚Pascha‘ erziehen.

Mütter, die ihre Töchter als beste Freundinnen missbrauchen.

Mütter, die ihren Töchtern den Freund ausspannen.

Mütter, die ihre Töchter mit Neid und Missgunst erziehen.

Mütter, die aus ihren Töchtern Prinzessinnen machen und ihnen beibringen, dass irgendwann der Prinz auf dem weißen Pferd kommt, um sie zu retten. (Die Mutter oder die Tochter?)

Mütter, die aus ihren Töchtern Lolitas machen, damit sie später einen ‚tollen Mann mit viel Geld‘ kennen lernen. (Um ein Bild zu generieren)

Mütter, die ihre Töchter nicht in die Geheimnisse des Lebens einweihen, emotional nicht für sie da sind und ausschließlich darauf gepolt sind, wie die Familie auf das Außen wirkt.

Mütter, die Ihre unerfüllten Träume auf Ihre Töchter projizieren.

Mütter, die ihre eigenen Töchter steinigen. Unter dem Beifall der Männer.

 

NEIN. Dies ist keine Anklageschrift gegen die Mütter! Ich möchte, dass wir wach werden. Ich möchte, dass wir als Frauen begreifen, was wir da eigentlich tun! Und zulassen!

Natürlich wird der Eindruck erweckt, dass die Mütter verantwortlich sind. Nun, in dem Moment: ja. Doch sie haben ebenso selten bis keine Chance, da sie ebenfalls seit Generationen so groß werden. Auch sie kennen es nicht anders. Doch häufig ist der Schmerz in den Augen der Mütter zu sehen. Sie spüren, dass dort etwas ganz falsch läuft. Doch die patriarchalen Systeme, sehen es nun mal anders vor. Und um zu überleben, auch emotional, schneiden sie sich ab von ihrem Mutternaturinstinkt und handeln patriarchatgerecht. Dies ist kein Vorwurf. Es geht ausschließlich um das Erkennen von Strukturen. Denn wenn ich erkenne, wie etwas tickt und funktioniert, spüre ich, ob es stimmig ist oder nicht und kann dann meiner eigenen Weisheit vertrauen.

Häufig erlebe ich es auch unter Frauen, das eine ausgelacht wird. Die Frauen meinen es nicht böse. Doch sie kommen noch nicht einmal auf die Idee die Frau zu fragen, wie etwas gemeint war. Da wird dann im Gruppenkollektiv gelacht, weil es eben gerade so passt. Sorry, geht’s noch?

Wenn Du etwas nicht verstehst, lachst Du sie aus oder fragst Du nach, wie sie es meinte? Eigentlich sollte die Antwort klar sein….

 

Uff, ein spannendes Thema. Und so vielschichtig. Was tun wir in unserer Gesellschaft, um Mädchen und Mütter ihres Selbst bewusst zu machen? Was können wir tun, damit dieser Wahnsinn mal ein Ende hat und wir lernen, uns gegenseitig zu vertrauen?

Was brauchen wir Frauen, dass wir uns gegenseitig unterstützen? Und das heißt im Umkehrschluss eben nicht, gegen etwas anderes zu sein. Doch ein ganz ganz altes Band, will neu geknüpft werden. Damit der Schrecken des Keils keine Kraft mehr hat. Auch ich entschuldige mich hier bei allen, denen ich Unrecht tat, sie verraten habe und nicht mit ihnen war.

Was kann jede einzelne Frau tun, um diesen Verrat in den eigenen Reihen zu stoppen? Wir dürfen lernen, offen miteinander zu sein. Wir dürfen lernen, Liebe, Mitgefühl und Wohlwollen unter uns zu verbreiten. Überall dort, wo ich etwas spüre wie Neid, Eifersucht, Missgunst, Verrat, da kann ich zwischen gehen. Ich kann wertschätzend ein neues Band knüpfen. Ich kann mich meinem eigenen Schmerz stellen und diesen heilen. Und diese Heilung, mit vielen anderen Frauen teilen. Und diesen Mut machen, ihren Weg der Heilung zu gehen.

Diese Welt braucht nicht nur geheilte Seelen. Diese Welt braucht die Kraft von geheilten Frauen. Diese Welt braucht die Kraft von Frauen, die auf dem Weg zu sich selber sind. Die Vorbilder sind für andere. Die das Bündnis der Menschheit neu knüpfen. Die Welt braucht DICH!

 

Herzlichst,

Sanja Tuwet

 

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Foto: Becca Tapert